Irgendwo mäht immer einer

Das, was die Menschen hier im Ort am meisten lieben
ist tiefe Ruhe, die zur Einsamkeit gehört
ich bin deshalb ja damals auch geblieben
ohne den Lärm, der mich beim Dösen stört
Hier gibt es keine Staus, kein Hupen, kein Gebrülle
hier gibt`s nicht Straßenbahn, nicht Fluglärm; nicht Motor
kein Bagger, keine Menschen – nur beredte Stille
und kaum mehr hörbar rauscht der Tinitus im Ohr
Dort Vögel, die ein Liebesliedchen pfeifen
ein Pferd, das schnaubt im feuchten Tau
die Maus, die quietscht, wenn sie die Katzen greifen
das Grunzen einer grundzufriednen Sau
Nichts weiter, nur ein Trekker, hin und wieder
der Bauer holt die Möhren aus dem Feld
der Wildgans zartes Rascheln im Gefieder
ohne Crescendo dreht sich diese Welt.
Bis irgendwo sich Schuppentüren weiten
in deren Licht ein kleiner Mann im Overall erscheint
um dann – voll Energie – das Chaos einzuleiten
Idyll ist viel fragiler, als es scheint.
Nach einigen beherzt gekonnten Zügen
an eines Mähers ausgefranstem Starterseil
wird dessen Brüllen über Rast und Ruhe siegen
nur in gepflegtem Rasen liegt des Gärtners Heil.
Und stundenlang wird der den Mäher schieben
nieder und auf, der Topos ist verzwickt
ist auch das Rad vom Motor angetrieben
erst eines Gärtners kluger Plan sorgt, dass es glückt.
Ein Ast zerbirst mir fürchterlichem Krachen
es wird mit Regelmaß der Grasfangkorb geleert
wer gern schlafen wollte, lernt zu wachen
und konzentrierte Arbeit wird erschwert.
Denn asymmetrisch ist des Mähwerks Röhren
sein Heulen schwillt stets ab und wieder an
und jeden klaren Geist kann dieser Lärm zerstören
weil niemand mehr an etwas and`res denken kann.
Und darum tut man nun, was man tun musste
und holt selbst seinen Mäher aus dem Stall
gut, dass man dessen Kerze just entrusste
dass nun der Motor zünden kann in jedem Fall.
Von überall ertönt nun Röhren, Kreischen, Knattern
und Luzifer verscheucht den Beelzebub
ohrenbetäubend ist der Lärm hinter den Gattern
und zwischen Not und Glück schwankt jeden Rasenmähers Schub
Stets weiter geht es, bis der letzte Halm gemäht ist
wenn es die Hölle gibt, so heißt sie Dezibél
es soll der Bauer ernten, was gesät ist
und Moritz Schrebers Wunsch, ist uns Befehl.
Es ist vollbracht, die Gärten sind geschoren
und Ruhe legt sich wieder auf den Ort
ein jeder atmet auf, wie neugeboren
man bringt den letzten Grünschnitt Richtung Kompost fort
doch irgendwo, da mäht noch einer, immer
da sprießt noch irgendwas am Wegesrand
da holt der Mann im Overall den Trimmer
und dessen heiseres Gekreisch, bringt mich, um den Verstand
Was alle Menschen hier im Ort am meisten lieben
das ist die Stille, wie im Kreuzgang, beim Gebet
doch hat mir Goethe schon ins Poesie-Album geschrieben
irgendwo ist immer jemand, der grad mäht.

Weites Mohnfeld / http://www.kunstblaetter.de

Über poem185

Bin schon ziemlich lange hier, so seit zweiundsechzig. Trink mir gerne mal ein Bier und, sieh Bild, das rächt sich. Hätt ich - wissend dies - vorab anders mich benommen ? Jede Falte, die ich hab ist mir nun willkommen ... Falten hat der Mopshund auch grad wie`s Origami, quergefaltet ist der Bauch von zuviel Salami.
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